Evangelische Kirche nennt Missbrauchs-Zahlen

Die Missbrauchsbeauftragte der Evangelischen Kirche im Rheinland: Claudia Paul. //Foto: Ekir

Claudia Paul, Missbrauchsbeauftragte der Evangelischen Kirche im Rheinland. //Foto: Ekir

Als der Streit um die Aufarbeitung der Fälle sexuellen Missbrauchs zwischen dem Kriminologen Christian Pfeiffer und der Katholischen Kirche eskaliert, beenden beide Seiten ihre Zusammenarbeit lautstark. Pfeiffer erhebt seine Vorwürfe öffentlich: Die Kirche wäre der Aufarbeitung hinderlich, würde gar vertuschen. Stephan Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, weist dies zurück, beansprucht aber die Interpretation über die wissenschaftlichen Ergebnisse für die Kirche. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fordert in der Süddeutschen Zeitung eindringlich Aufklärung: „Es ist ein notwendiger und überfälliger Schritt, dass sich die katholische Kirche öffnet und erstmals kirchenfremden Fachleuten Zugang zu den Kirchenarchiven ermöglicht.“

Etwa zur gleichen Zeit gibt Claudia Paul in Düsseldorf eine Pressekonferenz. Sie ist Ansprechpartnerin der Evangelischen Kirche im Rheinland (Ekir) für Betroffene sexueller Gewalt. Nach 18 Monaten im Amt legt sie offen, wie viele Menschen sich in dieser Zeit an sie gewandt haben:

Fallmeldungen zwischen dem 01.06.2011 und dem 31.12.2012:

Insgesamt haben sich 61 Menschen an die Ansprechstelle gewandt.

Davon waren:

41 Betroffene
7 Kontaktpersonen von Betroffenen
2 Täter
10 zuständige Vorgesetzte (Pfarrerinnen/Pfarrer) von beschuldigten Personen
1 sonstige Person

Die weit überwiegende Anzahl der Anschuldigungen steht im Kontext von institutionellem Geschehen, nämlich 51.

Mehr als die Hälfte der Menschen waren, bei Meldung, älter als 40 Jahre.

Bei 19 Meldungen liegt der Tatvorwurf innerhalb der letzten 3 Jahre.
Bei 23 Meldungen liegt die Grenzverletzung länger als 31 Jahre zurück.

47 Betroffene haben mehrfachen Missbrauch erlebt (bekannter Täter).
48 Betroffene haben Grenzüberschreitungen mit Körperkontakt erlebt.
8 Betroffene haben Grenzüberschreitungen ohne Körperkontakt erlebt (sexualisierte Sprache in SMS, Internet, Bemerkungen…).

47 benannte Täter waren Männer.
9 Frauen.
5 wurden nicht benannt.

43 Beschuldigte standen oder stehen in einem Dienst- bzw. Arbeitsverhältnis bei der Evangelischen Kirche im Rheinland bzw. der Diakonie.
12 Beschuldigte sind Mitarbeitende im Ehrenamt.
3 wurden nicht bekannt.

In 13 Fällen wurde Strafanzeige gestellt.

2,7 Millionen Menschen sind Mitglied in der zweitgrößten Landeskirche Deutschlands.

Die bemerkenswert transparente Meldung der Evangelischen Kirche im Rheinland bleibt bei all der Aufregung um die katholische Kirche und den medienwirksamen Kriminologen beinahe unbemerkt.

„Wir haben alles veröffentlicht, was bei mir angelaufen ist“, sagt Paul. „Es ist gut, dass wir diese Meldungen haben, weil wir dann sehen, wo unsere Strukturen noch nicht so gut sind.“

Betroffene melden sich bei Paul oft anonym. Sie geht den Vorwürfen dann nach, beginnt zu recherchieren. Deswegen ist ihr jeder Hinweis wichtig, auch von Menschen, die einen Missbrauch beobachtet haben – oder nur vermuten, „weil wir dann sehen: Da guckt jemand hin, da ist ein Bewusstsein vorhanden. Und wir sehen: Wie sind unsere Strukturen, dass so ein Verdachtsmoment überhaupt entstehen konnte?“ Mit anderen Worten: Wo gibt es Bedingungen, die sexuellen Missbrauch begünstigen, die Tätern, die meist sehr klaren Strategien folgen, ein Umfeld bieten, in dem sie sich sicher und unbeobachtet fühlen? Wenn eine Einrichtung ihre Schwachstellen kennt, sagt Paul, dann kann sie sie beseitigen.

Es ist für sie deswegen die logische Konsequenz, die Zahl der Meldungen von Vorfällen derart transparent öffentlich zu machen. Aufmerksamkeit ist wichtiger Teil der Prävention. Außerdem will die Kirche Opfern Mut machen, Hilfe anzunehmen.

Heidemarie Eich von Pro Mädchen.

Heidemarie Eich vom Düsseldorfer Verein „ProMädchen“.

„Letztendlich geht es auch darum, dass Institutionen Verantwortung übernehmen und Schutz, aber auch Transparenz schaffen“, sagt Heidemarie Eich, Sozialpädagogin und Geschäftsführerin von „ProMädchen„, einem Düsseldorfer Verein, der Mädchen auch über sexualisierte Gewalt aufklärt und Hilfe anbietet. „Wenn eine Institution sich stellt und sagt: ‚Auch bei uns gibt es Gewalt und Missbrauch, auch wir sind damit konfrontiert‘, dann ist das anerkennenswert. Im Grunde müsste das aber eine Selbstverständlichkeit sein.“

Der Umgang mit sexuellem Missbrauch, mit geschehenen Vorfällen, mit Meldungen und Verdächtigungen, mit Zeugen, mit Tätern und Opfern, ist für Eich eine Frage der Qualität einer Einrichtung, eines Kindergartens, einer Schule, eines Internats oder eines Vereins. Sie sagt: „Überall geht es um Qualitätsmanagement. Und der Umgang mit Grenzverletzungen, mit sexuellem Missbrauch gehört in alle Formen von Qualitätsstandards.“

5 thoughts on “Evangelische Kirche nennt Missbrauchs-Zahlen

  1. Hallo. Ich war ein Heimkind. Zuerst als Kind in Hetendorf. Lobetal. Schlechte Kindheit gehabt. Wir mussten arbeiten. Wir mussten nach Stübeckshorn fahren, um Kartoffeln zu sammeln. Tagelang. Der Bus hatte keine Sitze, nur Ladefläche. Und wir saßen ganz eng beieinander und mussten uns ruhig verhalten. Jeden Samstag war Badetag. Die Erziererin verlangte immer, dass wir nackt erstmal stehen mussten, dann wusch die uns und hat öfters den Lappen fallen lassen und spielte dran. Ihr Name [von der Redaktion aufgrund von Persönlichkeitsrechten entfernt]. Sie schlug öfters. Ein Junge musste sich übergeben, sie zwang ihn die Kotze aufzulecken. Ob er das gemacht hat, weiß ich nicht mehr. Oder wenn einer ins Bett gemacht hat, hat sie das Bettlaken geholt und dem Jungen über den kopf gezogen. Die anderen Erzieherinnen schauten zu. Auch einen Erzieher hatten wir. Er schlug auch, [Name von der Redaktion entfernt] heißt er. Der lebt in der Nähe von Lobegal, Celle. Geschlagen wurde öfters. Manchmal habe ich nichts mehr gespürt, als die mich schlugen. Als das Kinderheim aufgelöst wurde, sind wir nach Lobegal, Celle Kinderheim gezogen. Später habe ich da als Maler gearbeitet. Mit 21 habe ich das Heim verlassen, seitdem nie mehr besucht, das ist so 41 Jahre her. Und das ist ein Teil der Geschichte. Das ist eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe. Es war in Lobetal bekannt und heute tun die so, als ob nie was war. Grüße, Klaus Mietzner

  2. warum haben die uns gezwugen zu kichen zu gehen.jede montag musten wir für eine stunde hin. jeden morgem musten wir alle im kreis stehen.und musten.betten und das gelaber anhören,da nach gabs früstück.dann musten wir arbeiten.als ich als maler arbeitet haben die keine rente gezahlt.die haben gewinne gemacht.und wir.waren die blöden.wir waren für die sowie so nicht nomal.ach ja.alles sche…. grüsse

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